Formatedschungel in der Praxis - Lösungen und Tipps
Stand 9/ 2009

Unausweichlich ist mittlerweile die Umstellung auf 16 : 9 Breitbildvideo. Flachbildschirme setzen sich durch, ob als TV- oder Computermonitore, 4 : 3 - Monitore gibt es neu schon gar nicht mehr zu kaufen. Unschöne schwarze Seitenränder und verzerrte/ gestauchte Bilder ("Eierköpfe") werden bei den aktuellen Bildschirmen durch die Festlegung auf 16 : 9 vermieden.
Für den Videofilmer bedeutet dies, das Rohmaterial in 16 : 9 (Widescreen) zu filmen, und/ oder den Schnitt in diesem Seitenverhältnis durchzuführen.
HDV und AVC-HD sind immer 16 : 9, ältere DV-Camcorder können leider oft kein "echtes" 16 : 9. Also: wenn möglich auch mit DV in 16 : 9 filmen. Allerdings haben viele Videofilmer immer noch das Problem, dass viele der alten Videos in 4 : 3 sind.

Irritierend ist auch ein näherer Blick auf die Pixelgrößen:

DV-AVI in 4 : 3 hat 720 x 576 pxl., DV-AVI in 16 : 9 wird vom Schnittprogramm ebenfalls mit 720 x 576 pxl. angegeben, tatsächlich sind es aber 1024 x 576 pxl.. Das Video wird also gestreckt dargestellt: man nennt das "anamorph" (manche Schnittprogramme verwenden diesen Begriff tatsächlich). Also: das Schnittprogramm zeigt uns im besten Fall korrekt, wie der Film tatsächlich aussieht. Wird aber z. B. 4 : 3 in ein 16 : 9 - Projekt eingefügt, hat es rechts und links schwarze Ränder.


Die verschiedenen Bildgrößen/ Pixelgrößen müssen also angepasst werden. Das geht in Premiere in den fixierten Effekten: eine Skalierung auf 1024 pxl. Breite, allerdings wird dann oben und unten ein Streifen des Originalbilds abgeschnitten.


Das erfordert wiederum ein Nachschärfen (mit dem Effekt "Unscharf maskieren"). Die Bildqualität kann hier sichtbar schlechter werden.

Betrachten wir die Pixelparameter von HDV, so wird klar, dass die beschriebene Lösung hier nicht so einfach funktionieren wird: 1920 x 1080 pxl. (anamorph 1440 x 1080) - das sind fast das 4-fache an Pixeln im Vergleich zu DV-Breitbild oder gar DV - 4 : 3. Es gibt zwar knifflige Umsonstlösungen (Avisynth und VirtualDub) oder teure Plugins (von Trapcode/ Red Giant), oft können aber durch geschicktes Einfügen beim Schnitt die alten 4 : 3- Aufnahmen noch in voller Auflösung verwendet werden.


Methode 1: Bild in Bild-Effekt (PiP) - sehr gut für Interviews etc., da hier die "Talking Heads" schlüssig einmontiert werden können



Methode 2: Montage mit weicher Überblendung mit Hilfe einer Maske. So können z. B. perfekt zwei 4 : 3 - Videos von z. B. der Fußgängerzone neben/ ineinander auf die 1024 x 576 pxl. von 16 : 9 gebracht werden.


oder mit doppelter Spurmaske:

Anmerkung: Die DVD muss natürlich ebenfalls in 16 : 9 erstellt werden. Über HDMI- oder DVI-Kabel können mit modernen DVD-Playern dann auch Computermonitore direkt angesteuert werden.

Achtung Falle: Widescreen-Computermonitore können je nach Grafikkarte mit verschiedenen Auflösungen betrieben werden. Verzerrungen passieren hier schnell! Dann zeigt auch das Schnittprogramm nix korrekt an. Toller Fortschritt.


Angesichts der Vielfalt der verschieden großen Pixelauflösungen der unterschiedlichen Videoformate und ihrer Untercodecs ist die erste Anforderung an ein Schnittprogramm, dass es möglichst viele Formate importieren (decodieren), verarbeiten und exportieren (encodieren) kann. Praktisch bedeutet dies, dass die Rohaufnahmen flüssig bearbeitet werden können, was für DV-AVI - Video mit allen Programmen sehr gut klappt - auch mit schwachen PCs.
Die aktuellen MPEG-Formate komprimieren die Videos stärker: wurde für DV noch jedes Einzelbild in der DV-Datei gespeichert, so sind es hier nur noch bis zu 3 komplette Einzel- (Schlüssel-)bilder pro Sekunde, von den anderen werden nur die Änderungen mit Hilfe ausgefeilter mathematischer Verfahren gespeichert.

Der Decodier- und Encodieraufwand für den PC ist bei AVC-HD nur noch mit den schnellsten aktuell erhältlichen PCs zu schaffen, selbst HDV (MPEG2) erfordert mindestens einen Dual- oder besser Quadcore.

 

Aber zurück zur Praxis: Die Vielzahl von Codecs ist in der Tat ein Problem. Windows unterstützt von Haus aus nicht alle Kamera- und Videoformate (der Grund: Lizenzgebühren). Deswegen müssen solche Codecs nachinstalliert werden - praktisch wird dies bei der Installation eines neuen Schnittprogramms gleich miterledigt. Und im Bestfall kann dann jedes Video importiert werden ( wenn auch die Aufnahmetreiber der Kameras mit an Bord sind!). Wenn dann aber schon die verschiedenen AVC-HD-Kameras in ihren verwendeten Videocodecs nicht kompatibel sind (AVC-HD ist nicht gleich AVC-HD), wird schnell klar, dass hier die hinterfotzigsten Fallen lauern. Die Details der jeweiligen Videocodierung bleiben der Phantasie der Codec-Programmierer überlassen, solange das Endergebnis den Vorgaben des MPEG2 bzw. MPEG4-Standards entspricht. Und der kennt auch 1280 x 720 pxl. - und die Unterscheidung zwischen Interlaced und Progressive - also "i" und "p".

Ein älteres Tutorial zu dieser Problematik existiert bereits hier. Es beschreibt Lösungen für Webvideo (= Darstellung am PC-Monitor). - Zur Erinnerung: Aus historisch-technischen Gründen verwend(et)en alle 50- und 60-Hz-Röhren-Fernsehgeräte das Zeilensprungverfahren, bei dem keine Vollbilder (frames) sondern Halbbilder (fields) dargestellt werden. Jedes Halbbild besteht nur aus der Hälfte der Bildzeilen eines Vollbildes. Es wird immer abwechselnd ein Halbbild mit den ungeraden Bildzeilen ("Oberes Halbbild zuerst" oder top field) und eines mit den geraden Bildzeilen ("Unteres Halbbild zuerst" oder bottom field) dargestellt. Ursprünglich wurde das Zeilensprungverfahren in der Anfangszeit des Fernsehens eingeführt, um mit dem damaligen Stand der Technik ein halbwegs flimmerfreies Bild zu gewährleisten. Heutzutage stellt dieses Verfahren jedoch ein echtes Problem dar, denn es ist für moderne Bildschirme (LCD, Plasma, DLP) ungeeignet und beeinträchtigt die Bildqualität. Bis heute werden aus Kompatiblitätsgründen aber bei praktisch allen Fernseh- und Videosignalen keine Vollbilder, sondern Halbbilder übertragen. Beim in Deutschland üblichen PAL-Standard sind es beispielsweise nicht 25 Vollbilder sondern 50 Halbbilder pro Sekunde. Ein solches Signal bezeichnet man als „interlaced“ (verwoben).

Ein näherer Blick auf die Projekteinstellungen in Premiere Pro zeigt das Problem:

DV hat das untere Halbbild zuerst:

HDV 1080i hat das obere Halbbild zuerst:

Und da gibt es noch HDV 720p mit Vollbildern, dass aber fast kein Camcorder erzeugt (und Achtung: hier hat es 30 Frames pro Sekunde = NTSC):

Der Sequenzmonitor von Premiere zeigt in folgendem Screenshot falsche Halbbilddarstellung, die sog. Kammartefakte.
Diese treten nur bei bewegten Videobildern auf!

 

Ursache ist meistens eine falsche Halbbilreihenfolge. In diesem Fall wurde in einem HDV-Projekt auch DV-Footage verwendet. Abhilfe bietet ein Rechtsklick in den falsch dargestellten Clip im Schnittfenster, um dann im Kontextmenü die Halbbildoptionen aufzurufen:

Hier kann man durch gezieltes Ausprobieren den Fehler beseitigen - Ausprobieren deshalb, weil auch mal das gerenderte Video auf einem TV begutachtet werden sollte (was bei HDV schon nicht mehr so einfach ist). Manchmal zeigt die Darstellung im Sequenzmonitor von Premiere gruselige Kammartefakte - am TV-Gerät ist das Video aber o. K..

Die Lösung für die Zukunft wären Vollbilder (Progressive), aktuelle TVs können diese schon autoatisch korrekt darstellen (Computermonitore sowieso). Manchmal ruckelts halt bei Schwenks und schnellen Bewegungen ("digital" bringt jede Menge neue Bildstörungen hurra...).

Und so sieht auch Wikipedia das Problem:
"Zeilenentflechtung" (engl. Deinterlacing) bezeichnet einen Vorgang, bei dem Bilder eines im Zeilensprungverfahren vorliegenden Videosignals in Vollbilder konvertiert werden. Dies ist grundsätzlich notwendig, wenn die Aufnahmekamera mit Zeilensprung arbeitet und Aufnahmekamera und Anzeigebildschirme einen unterschiedlichen zeitlichen und vertikalen Bildaufbau haben. Dazu zählen neben 100-Hz-Fernsehgeräten alle Nicht-Röhren-Fernseher, also Flüssigkristall- und Plasmabildschirme. Neben Direktdarstellung arbeiten auch Rückprojektionsbildschirme und Frontprojektoren mit dieser Technik. Auch wenn mit der Zeilensprungmethode aufgenommene Fernsehprogramme oder Video-DVDs auf Computermonitoren aller Art (außer den antiquierten Videomonitoren der alten Heimcomputer) betrachtet werden sollen, ist immer ein Deinterlacing notwendig. Nur herkömmliche 50-Hz-Röhren-Fernsehgeräte und 50-Hz-Röhren-Projektoren kommen ohne Deinterlacing aus.
Oft bekommen wir vom Deinterlacing gar nichts mit: es kann entweder im Fernsehgerät selbst oder in der das Signal anliefernden Set-Top-Box (DVD-Spieler, DVB-Empfänger etc.) erfolgen. Auf dem Computer wird das Deinterlacing entweder von einer Software (etwa DVD-Player-Software) oder auf Hardware-Ebene (z. B. TV( Graphik-Karte) durchgeführt. Die Bildqualität hängt entscheidend vom verwendeten Deinterlacer ab.

 

Mehr zu Quadratpixelnin der nächsten Folge ....... (ein vergleichsweise kleines Problem)

 


Nicht aufschieben möchte ich aber eine optimistische Stellungnahme:
Die mit MPEG4/ AVC-HD (H.264) codierten Videos werden sich durchsetzen. Die Dateigröße ist super klein, die Qualität o. K., und der Codec kann für variable Bandbreiten eingesetzt werden. Alle werden AVC-HD nutzen: Camcorder, digitale Fotokameras, Handys, mobile Mediaplayer, Blue-rayDisc, das Web.

Beispiele: HDV benutzt 25 Mbitps Bandbreite, AVC-HD eher weniger, Arte HD sendet mit 12 Mbps und 720p50, HDTV geht aber auch mit 8 Mbps und 1080i in ausgezeichneter Qualität. Ein Vergleich: DVB-T liegt teilweise unter 2 Mbps und produziert bei viel Bewegung im Bild Pixelmatsch.
In spätestens einem Jahr gibt es genug Programme die alle Varianten verarbeiten können. Kostenlose Konvertierprogramme wie "Super" können jetzt schon sehr viel.
Und wichtiger: dann ist auch der neue ALDI-PC leistungsfähig genug!

Da ist es ratsam, reichlich Hintergrundwissen zu haben. Auch wenn viele Programme alles mit dem berühmten Mausklick versprechen.......

 

 

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